DAV Summit Club: Peaks of the Balkan Eine alpine Dreiländertour

Peaks of the Balkan Eine alpine Dreiländertour

Im Gebirge sind Grenzen oft unsichtbar und beim Wandern wechselt am Bergkamm plötzlich die Nationalität des Gebiets. So lässt es sich heute in den Bergen des Balkans wandern, ohne dass noch etwas zu spüren ist von den Feindseligkeiten des Jugoslawienkriegs. Land und Leute aber befinden sich noch in einem sehr ursprünglichen Zustand.

Von: Georg Bayerle

Stand: 14.05.2016 |Bildnachweis

Wandern in den Albanischen Alpen | Bild: BR; Georg Bayerle

Der DAV Summit Club hat gemeinsam mit der GIZ, der Entwicklungshilfeorganisation im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammen-arbeit eine Dreiländertour über die „Peaks of the Balkan“, über die Gipfel des Balkan entwickelt. Vom Kosovo geht es über Montenegro nach Albanien.

Felswände wie in den Alpen

Einfache Hirtenhütten mit lehmgestampftem Boden, Holzzäune aus Ästen und Gestrüpp, ein weiter grüner Talkessel – das Hochtal von Doberdol wirkt wie eine Nomadensiedlung in der mongolischen Tundra. Der junge kräftige Hirte Manol bewirtschaftet mit Bruder, Schwester und Mutter das „Berghotel“, wie er den einfachen Holzverschlag nennt, in dem wir auf durchgelegenen Matratzen am Boden unser Nachtlager haben. Rund 1000 Höhenmeter ging es während der achtstündigen Bergwanderung auf Hirtenpfaden von einer steinigen Seenplatte im Kosovo über den windumtosten, 2600 Meter hohen Gipfel des Gjeravica herüber in dieses albanische Hochtal.

Die Wege sind alte Karawanen- und Hirtenwege.

Wir befinden uns in einer Alpwirtschaft wie aus grauer Vorzeit: pur, einfach und unverfälscht. Der Lammbraten besteht aus grob zerhackten Brocken mit Knochen-splittern, zäh und kernig. Am Morgen nach einer Nacht, die einmal von Hundegebell und Schüssen auf einen eingedrungenen Wolf unterbrochen wurde, ruft die Mutter nach den Schafen. Die Bergtour gleicht einer Zeitreise mit Ankunft in einer anderen Welt, die nur ein bis zwei Flugstunden von den großen deutschen Städten entfernt im Herzen des Balkans liegt. Auch Ricardo, den Wanderführer des DAV-Summit-Clubs, fasziniert diese aus der Zeit gefallene Bergwelt.

Größeres Gepäck wird von Maultieren transportiert.

Pferde transportieren anderntags das Gepäck, als es über einen vom Regen gepeitschten Gebirgskamm und über den Dreiländergipfel geht, auf dem die Grenzen von Albanien, Kosovo und Montenegro zusammentreffen. Nach zwei Tagen ist nun das dritte Land erreicht: Montenegro. Die Formalitäten für den kaum wahrnehmbaren Grenzübertritt wurden von der örtlichen Agentur im Tal erledigt. Der montenegrinische Etappenort Plav, an einem See gelegen, ist in der Region ein touristischer Anziehungspunkt mit allem Komfort. Hier wartet Vlatko, knapp fünfzig Jahre alt. Mit dem Zusammenbruch Jugoslawiens hat er sein Wirtschaftsstudium abgebrochen, sich dann zwei Jahrzehnte mit selbstgestrickten Jobs durchgeschlagen und nun zu einem der ersten mit deutscher Entwicklungshilfe geförderten Wanderführer ausbilden lassen. Er hat die Route durch die einst verfeindeten Länder mit ausgekundschaftet, zusammen mit Agim aus dem Kosovo und Gary aus Albanien.

Gastfreundschaft wird groß geschrieben.

Zur Begrüßung spielt Vlatko die aus einem langen Rohrholz geschnitzte Kaval-Flöte, deren Klang an die rauen Winde im Gebirge des Balkans erinnert. Christentum und Islam wurden durch 500 Jahre türkische Anwesenheit in ihren Kulturen völlig unterschiedlich geformt. Krieg und Kampf waren Teil der Geschichte, dazu kamen die isolierten Bräuche der archaischen Bergkulturen. Und jetzt: touristisches Neuland, das neben der großartigen Berglandschaft unsere gewohnten Wahrnehmungsmuster aufwühlt und doch so nah an Mitteleuropa ist.

Die Weitwanderung über die Peaks of the Balkan, die der DAV Summit-Club gemeinsam mit dem deutschen Entwicklungsministerium konzipiert hat, soll insbesondere auch eine Einkommensgrundlage für die abgelegenen Bergregionen bilden. Besonders gut gelungen ist das in einigen Tälern Albaniens. Dabei erleben die Besucher eine Welt, in der die Zeit stehengeblieben ist und die doch in unmittelbarer europäischer Nachbarschaft liegt.

Die Hütten sind einfache Häuser aus Stein und Holz.

Aufwärts durch ein Bergtal führt der Pfad vom Südostzipfel Montenegros hinüber in die Albanischen Alpen und dabei auch durch eine Furt über abgewaschene Kiesel in einem rauschenden Bergbach. Es braucht schon etwas Robustheit, dann aber erschließt sich eine völlig einsame Gegend mit beeindruckenden Kalklippen der Albanischen Alpen, darunter das „Matterhorn“ Albaniens, der Arapi. Eine Bunkerkette markiert auf rund 2000 Metern Höhe die Grenze. Enver Hodscha hatte hier „sein“ Albanien festungsartig verteidigen wollen. „Bjeshkat e namuna“, die verwunschen Berge, nennen die Albaner die mystischen Formationen zwischen denen das Tal von Theth liegt.

Mit Gemüsegarten und Obstbäumen vor dem Haus im grünen Bergtal empfängt uns hier eine verwunschen schöne Herberge. Sophia, die Tochter des Haues, die weit weg in der Stadt ihre Schulausbildung absolviert, hilft in den Ferien mit. In einem albanisch-englischen Kauderwelsch zählt die Mutter Gemüse, Salat und Käse auf, alles von hier, dazu das eigens für uns frisch geschlachtete Lamm, das im Holzofen gart. Ismail Beka, der hier die sanfte Tourismusentwicklung betreut, hofft, dass er aus dem vorindustriellen Zustand der Gegend ein naturnahes Juwel für sanften Bergtourismus machen kann. Ricardo, der Wanderführer des DAV-Summit-Clubs, bestätigt es: Die Landflucht ist gestoppt, frühere Bewohner kehren zurück. Die Häuser und einfachen Berghöfe im Tal von Theth wirken gepflegt, auch wenn sich das Tal vor allem in den vier Wintermonaten in einer Art Urzustand befindet. Es gibt auch noch den alten Lahutar, den Dorfbarden, der mit einer einfachen Fidel seine alten Weisen vom Volkshelden Skenderbeg begleitet.

Wilderes Gebirge als die mediterranen Gebirge in Kroatien

Dann geht es wieder in und über die Berge, über den 1700 Meter hohen Pejes-Pass und hinab auf einem kühnen Felsenpfad durch einen im Halbrund 700 Meter senkrecht abfallenden Felsriegel. Beim Abstieg kommen uns nach fünf Tagen zum ersten Mal andere Wanderer entgegen: Judith Kis aus Ungarn mit Mann und Sohn. Sie wandern hier auf den Spuren des berühmten albanischen Schriftstellers Ismail Kadare. Jenseits des Felsabsturzes treffen wir einen Hirten, der einer der Erzählungen Kadares entsprungen sein könnte: Arben Djelai, Anfang vierzig, betreibt hier mit dem ältesten seiner drei Söhne wieder die Ziegenalm seiner Großeltern. Er ist einer der modernen Rückkehrer in die alte Welt, in der jeder albanische Bergbewohner seine Ziegen hielt. Mit 40 der autochthonen Capore-Ziegen erzeugt er Milch und Käse und verkauft Zicklein-Fleisch. Weil sich hier mediterrane und alpine Flora überlagern, wachsen 3500 Pflanzenarten am Wegrand. Valbona, das Tal am Ende der Tagesetappe könnte auch in den Urgesteinslandschaften des Piemont liegen. Mit schönen kleinen Herbergen in der wilden Bergnatur zählt es zu den touristischen Geheimtipps in den Albanischen Alpen.

Ab hier bildet der aufgestaute Drin-Fluss im wilden Koman-Canon die Lebensader zum Rest der Welt. Gut 30 Flusskilometer bringt uns die vermutlich erstaunlichste Bergfähre der Erde zurück in die Zivilisation – ein alter Setra-Omnibus, der auf einen Schiffsrumpf gesetzt wurde. An unmöglichen Haltepunkten zwischen lotrechten Felswänden klaubt der Kapitän Leute aus den Dörfern über der Schlucht auf. Menschen, die in zweieinhalb Stunden Fußmarsch von ihrem Dorf zum Haltepunkt herwandern. Sie bringen Gemüse oder Käse zum Verkauf in die Stadt, einige müssen ins Krankenhaus, eine ganze Gesellschaft fährt zu einer Hochzeit. Am Ankunftsort an der Staumauer gibt es ein großes Hallo, weil jede Menge Abholer schon auf die Reisenden aus den Bergen warten. Auch uns spucken die Albanischen Alpen sehr standesgemäß aus dieser wilden Schluchtmündung aus, mit Lebensgeschichten und Naturbildern im Rucksack, wie man sie in Europa heute nirgends mehr vermuten würde.

Weiterführende Infos

Genaue Informationen zu den“ Peaks of the Balkan“ gibt es unter www.dav-summit-club.de/reisedetails/detail/peaks-of-the-balkan sowie im Buch „Peaks of the Balkan – Albanien, Kosovo und Montenegro“ von Max Bosse und Kathrin Steinweg. Das Buch erscheint im Juni 2016 im Rother Verlag und kostet 14.90 Euro. ISBN: 978-3-7633-4491-8