Apolonia in Albanien und die französichen Ausgräber um Léon Rey

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Die erste griechische Siedlung, die nach Apollo benannt ist

Apollonia ist derzeit der größte Archäologiepark Albaniens. Durch die unverbaubare Sicht auf die akrokeraunischen Berge und die Insel Sazan mit ihrer gut erhaltene Umwelt hat die Natur in dieser Stätte einen besonderen Charakter. Dieser Ort erinnert noch an die ernste Atmosphäre dieser Aristokratenstadt, die bei den Römern so beliebt war. So kam etwa der junge Oktavian, bevor er zum Kaiser Augustus wurde, hierher, sich dem Studium der Geisteswissenschaft zu widmen, aber auch der Kaiser Caracalla wählte diese Stadt bei seiner Rückkehr aus dem Orient im Jahr seines Todes für einen Zwischenaufenthalt. Die französische epigraphische und archäologische Mission, die 1992 vom Professor Pierre Cabanes in Zusammenarbeit mit dem archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften von Tirana gestartet wurde, hat an die Tradition der französischen Präsenz an dieser zwischen den beiden Kriegen im Rahmen der Mission von Léon Rey eingeweihten Stätte angeknüpft.

Die Ausgrabungsarbeiten wurden übrigens an genau jenem Ort wieder aufgenommen, an dem L. Rey seine Arbeit beendet hatte, und jedes Jahr werden in diesem monumentalen Zentrum der Siedlung neue Monumente zutage gefördert – zur großen Freude der noch allzu raren Besucher.

Der geographische Rahmen

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Lagekarte
Apollonia ist eine griechische Kolonie, die um 600 v.Chr. von Kerkyra und Korinth aus auf illyrischem Boden im Land der Taulantier errichtet wurde. Heute befindet sie sich auf albanischem Gebiet, im Verwaltungsbezirk Fier im Südwesten des Landes, in 8 km Luftlinie von der Adriaküste entfernt. Zu Beginn nannte sie sich Gylakia – nach dem Namen ihres Gründers Gylax – und wurde wenig später nach ihrem zweiten Gründer, dem Gott Apollo benannt. An dieser Stätte, die sich über die Ebene von Myzeqe erstreckt und im Norden durch den Seman (in der Antike Apsos genannt) und im Süden durch die Vjose (Aoos) begrenzt ist, wurden keine Spuren einer früheren Besiedlung durch Einheimische gefunden. Die Stadt verfügte über einen Hafen an einer Flussschleife des Aoos, der in der Antike wesentlich näher am südlichen Stadtrand (siehe Lagekarte) vorbeifloss. Die Küstenebene, die aufgrund der Hochwasser des Flusses und der Verschlammung einen heruntergekommen Eindruck erweckt, diente vor allem als Schutzstreifen gegen mögliche Angriffe vom Meer aus. Die Hügel des Mallakastër im Hinterland jedoch stellten mit bewaldeten Landschaftsstrichen und einem für die Viehzucht geeigneten Weideland den Großteil des kultivierbaren Bodens. Tatsächlich bezeugt Herodots Bericht (IX, 92-94), dass es hier eine Fülle von Herden gab, die dem Helios (dem Sonnengott) geweiht waren. Die Siedler ließen sich übrigens auf den letzten Hügeln nieder, die hinter der Nehrung emporragen. Diese Stätte kennzeichnet sich durch ihren Doppelhügel; der südliche der beiden Hügel ist 104 m hoch. Aber auch eine andere Besonderheit, die diese Region aufweist, hatte die Siedler angezogen: die Naphtavorkommen.

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Akropolis
Zahlreiche Scherben von Amphoren, die in den Ausgrabungen gefunden wurden, sind an den Innenwänden von einer Bitumenschicht überzogen – ein Beweis für die Nutzung und Vermarktung dieses Produkts. Autoren aus der Antike (Strabon VII, 5, 8, Plinius II, 237, Dio Cassius, XLI 45) erwähnen die Existenz eines „Nymphäums“ im Süden des Gebiets, das auf einigen Münzen aus der hellenistischen Zeit durch eine aus dem Boden auflodernde Flamme symbolisiert wird. Die Lage dieser antiken Stätten wurde noch nicht endgültig ermittelt, sie sind aber in der Region Selenitsa oder Frakulla zu suchen. Möglich ist auch, dass die Apolloniaten die Silberminen in den Bergen rund um den See von Ohrid genutzt haben (Stätte von Damastion, die noch nicht identifiziert werden konnte).

Geschichte der Siedlung

Die Stadt dürfte um 580-530 mit der Ankunft neuer Siedler, die aus dem zu dieser Zeit zerstörtem Dyspontion kamen, ihre erste Blütezeit erlebt haben. Es ist bekannt, dass sie nicht an dem Konflikt beteiligt war, der im 5. Jahrhundert zwischen ihrer Nachbarstadt Epidamnos und Kerkyra stattfand. Pausanias (V, 22, 2-4) zufolge, wurden ihre Grenzen nach dem Krieg in den Jahren 475-450 gegen Thronion, einer illyrischen Siedlung in der Region Abantis (dem aktuellem Vlora), in Richtung Süden erweitert. Mit der Kriegsbeute errichtet man in Olympia ein Monument. 314 wird sie vom Taulantierkönig Glaukias belagert, aber dank dem Eingreifen des spartanischen Generals Akrotatos, der zu dieser Zeit dort vorbeikommt, gerettet. Im selben Jahr gelingt es dem König Kassander, die Stadt zu erobern. Im Jahr 313 muss er diese jedoch nach dem Eingreifen der Kerkyrer wieder abgeben. Von da an scheint sie nicht mehr Ziel der Eroberungsbestreben Mazedoniens gewesen zu sein; 229 jedoch ruft sie Rom zu Hilfe, um sich der illyrischen Kontrolle Agrons und Teutas zu entziehen. Während der Mazedonienkriege wird sie 214 von Philipp V belagert und daraufhin von den Römern befreit, die dort im Jahr 205 Zuflucht suchen. Mit dem Frieden von Phoinikè, der von den Epiroten ausgehandelt wird, kann eine Schlacht in diesem Gebiet abgewendet werden. 172 dient sie den Römern erneut als Basislager: die Siedlung, die Rom immer noch treu ist, beteiligt sich an der Schlacht von Pydna und erlangt den Status als „civitas foederata“ (verbündete Stadt).

Während der Bürgerkriege wird sie von Staberius, einem Getreuen des Pompeius, belagert, trifft aber mit der Öffnung ihrer Tore für Cäsar im Jahr 48 eine gute Entscheidung. Am 11. Januar schlagen beide Armeen einander gegenüber am Ufer des Apsos ihre Lager auf. Später verbringt Oktavian dort sechs Monate, während derer er bei Apollodorus von Pergamum Griechisch gelernt haben soll. Nach seinem Sieg im Jahr 31 in Actium bekundet Augustus der Stadt seine Anerkennung, indem er ihr den privilegierten Status einer „civitas libera et immunis“, einer abgabefreien Stadt mit eigener Verwaltung, zusichert. Alle Kaiser unterhalten weiterhin ausgezeichnete Beziehungen mit der Stadt, die dadurch ihre Sprache, ihre Münzen und ihre Institutionen beibehalten darf; sie beteiligen sich im 2. Jahrhundert an ihrem Wiederaufbau nach einem Erdbeben. Tatsächlich hat die Stadt durch Erdbeben wesentlich mehr Leid erfahren als durch menschengemachte Wirren: 345 wird die Stadt wieder von einem Erdbeben heimgesucht. Im 5. Jahrhundert wird sie – vermutlich wegen einer erneuten Naturkatastrophe – aufgegeben. Erst im 12. Jahrhundert wird diese Stätte wieder besiedelt; man errichtet ein der Jungfrau Maria geweihtes Kloster. Im Großen und Ganzen ist Apollonia eine der wenigen griechischen Siedlungen, die bis zum Ende ihre hellenistische Kultur erhalten und ihr Kulturerbe mehrere Jahrtausende hindurch bewahren konnte. Das Dorf Pojani hat sich außerhalb der Stadtmauern entwickelt; sein Kloster ist das einzige an dieser historischen Stätte errichtete Gebäude. Die Errichtung einer militärischen Zone auf der Akropolis während der kommunistischen Ära hat jedoch schwerwiegende Schäden angerichtet.

Chronologischer Überblick über die Ausgrabungen

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Das Kloster

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Zentrum
Die ersten Ausgrabungsarbeiten finden während des ersten Weltkriegs statt, als die Region unter österreichisch-ungarischer Herrschaft ist: Von 23. April bis 26. Juni 1918 führt der Archäologe Praschniker entlang der Stadtmauer Sondierungen durch, stößt im Kryegjata-Tal auf einen Tempel und sucht den Hafen der Stadt sowie den Nymphäum (JOEAI, 1922-1924, 21-22, Sp. 23-57). Die erste französische Mission findet von 1923 bis 1939 unter der Leitung von Léon Rey statt, der sein Ausgrabungshaus am Gipfel des Hügels 104 errichtet; die Ergebnisse werden in den sechs Ausgaben der Zeitschrift Albana veröffentlicht. Den Franzosen ist auch die Freilegung hellenistischer und römischer Wohnhäuser am Westhang der Stadt, der großen Säulenhalle mit ihren 17 Nischen und des monumentalen Zentrums aus der Römerzeit (Agonothetenmonument, Odeon und Heiligtum), der Fund eines ionischen Friesfragments, das Teil des Tempels auf dem Hügel 104 war, sowie die Erforschung der Totenstadt von Kryegjata zu verdanken. Während der italienischen Belagerung legt P.C. Sestieri den Grabtempel von Kryegjata, des Weiteren ein Gebäude südlich des Klosters, von dem man annimmt, das es ein Gymnasium war, sowie die Umfriedungsmauer frei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entdeckt ein albanisches Archäologenteam den monumentalen Brunnen, der sich auf dem Westhang der Akropolis befindet und das größte Monument dieser Art ist, das man aus der griechischen Welt kennt. Von 1958 bis 1960 findet die albanisch-sowietische Mission unter der Leitung von S. Islami und W.D. Blawatski statt; bedauerlicherweise aber wurde aufgrund der Unterbrechung der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern keine einzige Publikation herausgebracht. Von diesem Datum an führen die albanischen Archäologen die Forschungen alleine fort: Ausgrabung des Theaters, der sieben Tumuli, der archaischen Totenstadt, der Stadtmauern am Fuß des Klosters sowie zweier Keramikwerkstätten auf dem Hügel 104. In der Zeitschrift Iliria sind Teilpublikationen darüber zu finden.

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Säulenhalle
1991 wird durch die politischen Veränderungen in Albanien eine Rückkehr der ausländischen Forschungsteams möglich. Tatsächlich ist die französische archäologische und epigraphische Mission in Apollonia das Ergebnis eines langen Prozesses, der 1971 auf Initiative von Pierre Cabanes hin begann. Dank seiner Geduld und Hartnäckigkeit wurde 1991 von der Akademie der Wissenschaften in Tirana und dem Außenministerium ein allgemeines Übereinkommen unterzeichnet. Der wissenschaftliche Inhalt dieses Vertrags, dem auch die Ecole Française Athens beigetreten ist, wird 1993, dem Jahr, in dem die erste Kampagne beginnt, genauer definiert. Die Ausgrabungsarbeiten an sich beginnen 1994, gleichzeitig mit der Errichtung des äußerst schönen Ausgrabungshauses, das am 20. September 1996 in Anwesenheit von M. Chrisman, dem französischen Botschafter in Tirana, eingeweiht wird.

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Das Ausgrabungshaus

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Die Einweihung
1997 wird das Übereinkommen für weitere vier Jahre erneuert. Dadurch wird die Fortführung des Programms ermöglicht, das abgesehen von den verschiedenen Ausgrabungsarbeiten die Zusammenstellung eines epigraphischen und numismatischen Korpus ermöglicht, in dem ein mitunter verstreutes Dokumentationsmaterial zusammengetragen werden soll. Die ersten Ergebnisse der epigraphischen und archäologischen Mission in Apollonia waren bereits Thema mehrerer Vorpublikationen.

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Forschungsthema: Siedlungsdynamik der frühgeschichtlichen Pfahlbausiedlungen im südlichen Albanien

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Seit 1993 erforscht die französisch-albanische archäologische Mission im Becken von Korce, die auf Betreiben des Forschungsteams für ägäische Frühgeschichte (Universität Paris I – CNRS) in Partnerschaft mit dem archäologischen Institut der Akademie für Wissenschaften der Republik Albanien und mit der finanziellen Unterstützung des Außenministeriums und der französischen Schule in Athen geschaffen wurde, eine frühgeschichtliche Pfahlbausiedlung in der Nähe des Dorfes Sovjan im Becken von Korce (Südostalbanien). Diese Stätte ist Gegenstand eines interdisziplinären Forschungsprogramms, das archäologische Grabungen mit paläoökologischen Studien verbindet. Es handelt sich um die erste derartige Unternehmung in Albanien. Sie liefert völlig neue Daten über die Seeufer-Siedlungsdynamik in dieser Region, die absolute Chronologie der kulturellen Phasen vom Neolithikum bis zur Eisenzeit, die Technologie und die Planimetrie der Holzbauten in der Bronzezeit sowie über die Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt während des gesamten Holozäns.

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Das moderne Dorf Sovjan