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Archive für 4.5.2008
Kosovo – Das gekappte Rettungsseil – 4. Mai 2008, 21 Uhr auf 3sat*
4.5.2008 by CrniLabudovi.
Der Balkan Express, ist eine hochqualifizierte TV Serie von ESI in Zusammenarbeit mit dem ORF.
Sehr sehenswert! 

Diese zehnteilige Dokumentarreihe ist eine der anspruchsvollsten TV-Produktionen der letzten Jahre zu Südosteuropa So gibt sie Menschen, die seit Mitte der 90er Jahre an der Rückkehr der Region nach Europa gearbeitet haben, eine Möglichkeit, sich zu ihrer gegenwärtigen Situation mitzuteilen: Künstler, Anwälte, Journalisten, Aktivisten, Bürgermeister und Fußballspieler steuern ihre Perspektive bei.

Serbien

Temesvar

Bulgarien

Thessaloniki

Istanbul
Kosovo!
Migjen Kelmendi ist ein Rockstar aus Prishtina, der zum Journalisten wurde. Er ist der Herausgeber von Jáva, einer Zeitschrift, die im hiesigen gegischen Dialekt des Albanischen erscheint, nicht in der albanischen Standardsprache, die auf dem toskischen Dialekt aus Südalbanien basiert. Gegisch ist die Muttersprache aller Kosovaren. Die Entscheidung, im Dialekt zu schreiben, der tatsächlich von Kosovaren gesprochen wird, spiegelt Migjens Faszination für die Entwicklung einer eigenständigen kosovarischen Identität wider, ebenso wie für einen bürgerlichen, nicht einen ethnischen Staat.
Die Geschichte von Migjens Familie verdeutlicht die sozialen Veränderungen im Kosovo während der letzten zwei Generationen:
“Mein Großvater war ein Hochländer aus der Umgebung von Peja. Er “rutschte” zwischen den beiden Weltkriegen von den Bergen herunter und ließ sich gleich in der ersten Stadt am Fuß der Berge nieder – in Peja! Meine Mutter kam aus einer alteingesessenen albanischen Familie in Prishtina. Neben dem Albanischen sprach sie auch Türkisch, die lingua franca, die Verständigungssprache jener Zeit. Menschen aus ihrer sozialen Schicht taten so etwas. So sprachen die alteingesessenen serbischen Familien zu den alteingesessenen albanischen Familien in Türkisch.”
Migjens Vater Faruk wuchs zu einer Zeit auf, als es noch immer keinen Unterricht in albanischer Sprache gab. Faruk Kelmende erzählte uns:
“Wir hatten keine albanischen Schulen, wir hatten keine Lehrer, wir hatten keine Geschichte unserer Nation, wir hatten keine Verbindung zu Albanien. Uns war es noch nicht einmal erlaubt, das Wort “Albanien” zu erwähnen. Aber das Paradox war, dass das Regime des Königreichs Jugoslawien eine mejtepe, eine türkische Islamschule eröffnete. Mein Vater schickte mich zu dieser mejtepe, wo ich dann Arabisch lernte, ‘elhamdyrylahi e rabilalemin e rrahmani rrahim‘. Ich erinnere mich noch heute, was’ kuluwallahu ehad‘ bedeutet, weil uns die Imame das mit den Stöcken einbläuten.”
Faruk Kelmendi ging während der 1950er nach Belgrad, um zu studieren. Er war der Erste in seiner Familie, der eine formelle Ausbildung abschloss.
Migjen erinnert sich auch an die spätern 1960er und frühen 1970er Jahre:
“In dieser Zeit begannen wir, einen gewissen Reichtum zu verspüren. Es kamen die ersten Farbfernseher und moderne Möbel und Kühlschränke. Eine Mittelklasse begann sich zu entwickeln. Jeder strebte danach, sich im Lebensstil an die Menge anzupassen. Der Bau der Universitätsbücherei begann, und es fühlte sich so an, als wenn wir jetzt die wirkliche Hauptstadt des Kosovo würden. Alle Straßen wurden mit Asphalt überzogen und Asphalt wurde so etwas wie das Symbol des Fortschritts. Wir nannten sogar unseren Bürgermeister “Asphalt Nazmi”.
Zu der Zeit glaubten unsere Führer, dass sie das alte osmanische Erbe bekämpfen müssten, um eine neue Gesellschaft zu schaffen, eine neue Sprache und einen neuen Menschen. So begannen sie, gleichzeitig neue Häuserblocks mit Wohnungen zu bauen und die Menschen, die in ihnen leben wollten. Wenn du in einem alten Haus lebtest, dann galt das als sehr altmodisch. Einer meiner Cousins tauschte sein Haus gegen eine kleine Wohnung. Er dachte, er hätte ein gutes Geschäft gemacht. Heute bereut er diesen Deal!
………………..
Mit der Unabhängigkeitserklärung Kosovos am 17. Februar 2008 rückt der Konflikt zwischen Serben und Kosovoalbanern neuerlich in den Mittelpunkt medialer Berichterstattung. Mit Sorge blickt die Welt erneut auf die Krisenregion, deren relative Ruhe in den letzten Jahren durch den massiven Einsatz von KFOR und UNO-Polizeitruppen gesichert wurde.
Was bedeutet die Unabhängigkeit für die Stabilität Kosovos? Welche Zukunft steht dem Land bevor? Vor welchen Aufgaben wird die künftige EU-Mission stehen, um die Probleme des Landes zu lösen? Die Dokumentation nähert sich diesen Fragen an, indem sie eines der zentralsten Probleme Kosovos in den Mittelpunkt rückt – die katastrophale wirtschaftliche Lage mit den höchsten Arbeitslosenraten, vor allem für Junge und Frauen, in Europa.
In der Vergangenheit war es der Zusammenhalt der traditionellen Großfamilie, die das Überleben im traditionell armen Kosovo sicherte. Der Besuch einer Kulla – dem wehrhaften Steinhaus albanischer Familien, in dem einst oft 60 und mehr Mitgliedern in weitgehend autarker Selbstversorgerwirtschaft lebten – gibt einen Einblick in die alten familiären Strukturen. Doch auch heute noch bietet die Großfamilie den einzigen wirklichen Rückhalt für die meisten Kosovaren.
Doch dieses gesellschaftliche Gefüge gerät zunehmend ins Wanken. Jährlich drängen Tausende Jugendliche auf einen Arbeitsmarkt, den es nicht gibt. Selbst mit guter Ausbildung hat man wenig Aussicht auf einen Job. Die erzwungene Untätigkeit erzeugt besonders unter Jugendlichen in den Städten große Frustration – und Konfliktpotential.
Der Film sucht Familien auf und zeigt anhand ihrer Schicksale die dringliche Notwendigkeit zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Ohne staatliche Sozialleistungen bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als in den großfamiliären Strukturen zu verharren. Dies bedeutet vor allem für Frauen, ihre traditionelle Rolle weiterhin erfüllen zu müssen. In vielen Fällen sind die Menschen von Familienmitgliedern, die in der Diaspora als Gastarbeiter leben, finanziell völlig abhängig.
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