Infos

Sie befinden sich aktuell in den Balkanforum Balkanblog.org Blog-Archiven für den folgenden Tag 5.3.2008.

März 2008
M D M D F S S
« Feb   Apr »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  
Links

Archive für 5.3.2008

Putin und seine Bilanz: „Gearbeitet wie ein Sklave auf einer Galeere“

PUTINS BILANZ

„Gearbeitet wie ein Sklave auf einer Galeere“

Auf der letzten großen Pressekonferenz vor dem Ende seiner Präsidentschaft geizte Putin nicht mit Selbstlob. Der Kreml-Chef zeichnete das Bild eines stabilen Staates mit einer zufriedenen Bevölkerung. Russische Journalisten stellten nur vorsichtige Fragen.

Von Ulrich Heyden

EM 02-08 · 29.02.2008

„Galeeren-Sklave“ Wladimir Putin bei seiner letzten Pressekonferenz als Präsident  
„Galeeren-Sklave“ Wladimir Putin bei seiner letzten Pressekonferenz als Präsident  

Würde man die Länge von Pressekonferenzen zum Maßstab nehmen, dann wäre Russland das demokratischste Land der Welt. Vier Stunden und vierzig Minuten antwortete Wladimir Putin gestern im Kreml auf  Fragen von über 1.000 Journalisten aus dem In- und Ausland. Russland sei nach den Zerfallserscheinungen in den 90er Jahren heute ein stabiler Staat mit einer zufriedenen Bevölkerung. Er selbst habe acht Jahre lang „wie ein Sklave auf einer Galeere“ gearbeitet und „kein normales, menschliches Leben“ geführt. Aber er sei „zufrieden“ mit seinem Resultat. Nach der Wahl des neuen Präsidenten am 2. März will Putin in das Amt des Ministerpräsidenten wechseln.

Die russischen Journalisten waren äußerst vorsichtig. Fragen zum Defizit an Demokratie und Pressefreiheit wurden erst gar nicht gestellt. Ob der Präsidentschaftswahlkampf in Russland wirklich fair abläuft, scheint nur ausländische Korrespondenten zu interessieren. Die russischen Journalisten nehmen es offenbar hin, dass das Ergebnis der Wahl vorbestimmt und nur eine Pflichtübung gegenüber Putins Kronprinz Dmitri Medwedjew ist.

Gute Wirtschafts-Daten

Traditionell beginnt Putin seine Pressekonferenzen mit den Wirtschaftszahlen. Mit einer Wachstumsrate von 8,1 Prozent liege Russland weltweit im vorderen Feld. Der Anteil der Bevölkerung, die in Armut lebt, sei in den letzten acht Jahren von 30 auf 14 Prozent gesunken, die realen Einkommen hätten sich um 10,4 Prozent erhöht. Der Kreml-Chef räumte allerdings ein, dass die guten makroökonomischen Ziffern sich nicht alle bei den Bürgern schon auswirken. Selbstkritisch gestand er auch ein, dass der Kampf gegen die Inflation (zurzeit 11,9 Prozent), „effektiver“ hätte geführt werden können. Das Gerücht in Russland stehe eine Rubel-Abwertung bevor, bezeichnete er jedoch als Unsinn. Russland habe mit einem Stabilitätsfond von 153 Milliarden. Dollar und Goldreserven von 500 Milliarden Dollar genug Mittel um Wirtschaftskrisen abzufedern. Fazit: Die wirtschaftliche Situation in Russland hat sich unter Putin verbessert. Es bleiben aber Risiken für die Zukunft.

Erfolge in der Sozialpolitik

Putin erklärte, die „nationalen Programme“ zur Förderung von Landwirtschaft, Krankenhäusern, Schulen und Wohnungsbau würden weitergeführt. Dass Russland auf einigen Gebieten zurückgefallen sei, sei auch eine Chance, weil man jetzt für Krankenhäuser und landwirtschaftliche Betriebe „die modernste Ausrüstung“ kaufen und dabei „mehrere Entwicklungsstufen überspringen“ könne. Die Programme zur Geburten-Förderung seien erfolgreich. Im letzten Jahr habe man die höchste Geburtenziffer seit 15 Jahren erreicht.

An den Schulen dominiere „der Kult von Geld und Gewalt“, erklärte eine russische Journalistin. Unter den Jugendlichen gäbe es keine moralischen Werte. „Nicht alles sieht so apokalyptisch aus“, antwortete der Kreml-Chef. Fazit: Es gibt Versuche die soziale Situation zu verbessern, doch für die Rentner und abgelegene Regionen sieht die Lage nach wie vor düster aus.

Opposition geduldet

Putin erklärte, er achte die Führer der beiden Oppositionsparteien, den Nationalisten Wladimir Schirinowski und den KP-Chef Gennadi Sjuganow. Beide kandidieren auch zu den Präsidentschaftswahlen. Dass sie „Patrioten“ sind, hätten die beiden Politiker beim Kampf gegen den Terrorismus bewiesen.

Dass eine Vielzahl von Parteien zu Instabilität führt, sähe man in der Ukraine. Offenbar seien die Menschen in Russland zufriedener mit ihrer Regierung als in Deutschland, wie die Wahlerfolge der ehemaligen Kommunisten dort zeigten.

Russland werde sich bei der Wahlbeobachtung der Präsidentschaftswahlen an die Verpflichtungen halten, die man im Rahmen der OSZE eingegangen sei. Man werde sich aber von niemand vorschreiben lassen, wie viele Wahlbeobachter für welchen Zeitraum zugelassen werden. Russland hat hundert Wahlbeobachter eingeladen. Fazit: Putin möchte selbst bestimmen, was Demokratie ist. Die im Westen üblichen Demokratie-Standards lehnt er ab.

Russland und der Westen

http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20080205

Norbert Mappes-Niediek über die Abspaltung des Nord Kosovo

Ausland

Artikel vorlesen

Der Norden geht eigene Wege

Uno-Verwaltung und Kosovos Behörden verlieren die Kontrolle über den serbisch besiedelten Norden Kosovos. Polizei, Justiz und Verwaltung werden in Kosovo künftig bald vollständig ethnisch geteilt sein. Die Kosovo-Serben verlassen die Uno-geführten Institutionen.

Wer hat nun das Gewaltmonopol? Uno-Polizist bei der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica. / Keystone

Forum»Meinungen zum Thema

Forum»Kommentare zum Artikel

Mehr zum Thema:

Serbiens Verkehrsminister Velimir Ilic, ein Hardliner und Vertrauter von Ministerpräsident Kostunica, bestätigte jetzt, Teil des bisher geheimen Aktionsplans Belgrads gegen die Unabhängigkeit der Provinz Kosovo sei auch der Rückzug der Polizisten. Ohne gemeinsame Polizei haben die kosovarischen Behörden und die internationalen Missionen faktisch keine Kontrolle mehr über den serbisch besiedelten Norden des Landes. Die Polizisten serbischer Nationalität hätten «ihre Arbeitsplätze verlassen» und warteten im kosovarischen Dorf Ranilug auf ihre weitere Verwendung, hat eine serbische Nachrichtenagentur gemeldet.

Auf kosovo-albanischer Seite wird der Bruch heruntergespielt. «Einige Serben» seien in den letzten Tagen nicht zur Arbeit erschienen, sagte ein Sprecher der gemischten Polizeitruppe in der Stadt Gjilan. Es handle sich aber «nicht um eine kollektive Kündigung».

Keine gemeinsame Justiz mehr

Seit 1999 hat die Uno in Kosovo eine ganz neue Polizeitruppe aufgebaut. Etwas über zehn Prozent der kosovarischen Polizisten sind Serben, alle tragen aber die gleiche Uniform. In ethnisch gemischten Gebieten und entlang der Demarkationslinie in der geteilten Stadt Mitrovica gibt es gemischte Patrouillen. Sonst ist die Polizei in den Albanergebieten albanisch, in den Serbengebieten serbisch.

Auch die gemeinsame Justiz ist bereits Geschichte. Schon bisher waren die Serben mit fünf Richtern und 25 weiteren Beschäftigten schwach eingebunden. Am Wochenende nun erklärte der serbische Justizminister Dusan Petrovic, die dreissig «an die Uno ausgeliehenen» Serben kehrten nun «zur Stärkung der Institutionen Serbiens in der Provinz» an ihre Arbeitsplätze an den serbischen Amtsgerichten in Kosovo zurück. Diese serbischen Amtsgerichte sind seit 1999 eigentlich aufgelöst, bestehen aber nach Belgrader Rechtsauffassung noch immer.

Pragmatische Kosovo-Serben

In der Kommunalverwaltung schliesslich dominierten in den Serbengebieten auch unter der Uno-Verwaltung von Belgrad kontrollierte und finanzierte Behörden. Daneben allerdings hatte auch die Uno-Verwaltung Ämter eingerichtet. Die Kosovo-Serben gehen mit der Doppelstruktur pragmatisch um: Beamte beziehen zwei Gehälter, eines von der Uno und eines von der serbischen Regierung. Das gilt auch für Polizisten. Viele Serben haben zwei Pässe und für ihr Auto zwei Sätze Nummernschilder: Durch Kosovo fahren sie mit den neuen «KS»-Kennzeichen der Uno-Verwaltung, an der Grenze zu Serbien schrauben sie die alten jugoslawischen an.

Schon am Tag der Unabhängigkeit hatte die Uno aus Sicherheitsgründen ihr Büro im serbischen Nord-Mitrovica evakuiert. Jetzt bestätigte Pieter Feith, der Chef der EU-geführten Nachfolgemission, indirekt, dass die Ausländer offenbar nicht zurückkehren: «Wir hoffen, dass die Bedingungen es bald erlauben werden, unsere Arbeit wieder aufzunehmen.»

Eigene Sozialhilfe

Das dürfte ein frommer Wunsch bleiben: Serbien und die Kosovo-Serben erkennen die Legitimation der EU-Mission nicht an. Belgrad macht sich bereit, nun auch Uno-Funktionen an sich zu ziehen: Sozialminister Rasim Ljajic hat bereits einen Sonderbeauftragten für die Sozialhilfe an Serben und anderen Nicht-Albanern als «sozial am stärksten bedrohten Teil der Kosovo-Bevölkerung» ernannt.

Artikel ausdrucken

Artikel per Mail versenden

Schrift vergrössern

Der Bund, Norbert Mappes-Niediek, Graz [29.02.08]

|