Februar 2008
M D M D F S S
« Jan   Mrz »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
2526272829  
Links

Deutsche Soldaten erkennen immer mehr, das sie nur bei den Auslands Einsätzen “verheizt” werden

11.02.2008    14:38 Uhr
Trennlinie

Militärpfarrer im Kosovo

Von guten Mächten

Bundeswehrsoldaten beklagen sich, dass ihnen der Sinn ihrer Auslandseinsätze ungenügend vermittelt wird. Seelsorger der Bundeswehr übernehmen diese Aufgabe auf ihre Art. Eine Sinnsuche.
Von Ingo Salmen

Kosovo, Militärpfarrer, Bundeswehr
vergrößern Pfarrer Stephan Schmuck bereitet sich auf eine Messfeier in Pristina vor
Foto: Ingo Salmen
 

Vielleicht ist es die Nähe zum Himmel, die dem “Soldaten” Stephan Schmuck erneut eines dieser Erfolgserlebnisse beschert. Hoch oben auf dem Dulje-Pass, zwischen der Provinzhauptstadt Pristina und der Südmetropole Prizren. Schmuck sitzt auf der mittleren Bank eines Bullis, sein rechtes Knie hat er auf die Sitzfläche gelegt, er wendet sich einem Kameraden im Heck zu. Schokoplätzchen machen die Runde, es geht um Gott und die Welt. Hier oben im Bulli.

“Ich bin Atheist”, gibt der Gefreite auf der Rückbank unumwunden zu. Allmählich wölbt sich die Dunkelheit über das Hügelland. Der Tag des Herrn steht bevor, doch das beeindruckt den jungen Mann nicht: “Ich glaube nur an die Naturwissenschaften”, sagt er. Einen Augenblick später schiebt er nach: “Wenn ich Probleme hätte, würde ich zuerst mit den Kameraden reden. Aber wenn es etwas wäre, dass man nicht mit denen besprechen kann, wenn ich Stress mit Zuhause hätte oder jemand sterben würde, dann würde ich auch zu Ihnen gehen.”

Soldat für seelisches Heil

Schmuck ist kein normaler Kamerad. Stephan Schmuck ist katholischer Militärpfarrer und begleitet die deutschen Kfor-Soldaten im Einsatz. Er kommt gerade zurück vom Gottesdienst im Hauptquartier. Wie jeder hier trägt er Stiefel und Tarnanzug und beim Verlassen des Lagers setzt er artig seine Mütze auf, ganz dem Wunsch der georgischen Wachsoldaten entsprechend.


vorheriges Bild vorheriges Bild Bild 1 von 9 nächstes Bild nächstes Bild


In der “Dienstzeitunterbrechung“ finden die Soldaten Zeit für sich. Der Gottesdienst bietet eine gern genutzte Gelegenheit, Abwechslung in den Lageralltag zu bringen.

Alle Texte und Fotos: Ingo Salmen

Eine Waffe führt er nicht mit sich, Schmuck ist weniger für die körperliche Unversehrtheit der Soldaten zuständig als für ihr seelisches Heil. Dabei ist es unbedeutend, ob jemand frommer Katholik ist. Dass sich ein Soldat an ihn wendet, der sonst mit Kirche nichts zu tun hat, kommt im Kosovo oft vor, sagt Schmuck. Der Atheist, der den Pfarrer aufsucht - eine typische Konstellation in diesem an Kontrasten nicht armen Land.

Es hat den Anschein, als trage alles im Kosovo zwei Gesichter, die sich mitunter zu Widersprüchen auswachsen, so wie die Köpfe des albanischen Doppeladlers in entgegengesetzte Richtungen schauen.

Von Stille umgeben

Auch in Prizren, einem alten kulturellen Zentrum des Kosovo, bietet sich ein zwiespältiges Bild. Die Männer sitzen in den Cafés. Was sollen sie auch tun? Die Arbeitslosigkeit beträgt zwischen 50 und 80 Prozent, je nach Zählstandard. Abends strömen die Jugendlichen - die Hälfte der Bevölkerung ist in einem ungeduldigen Alter, unter 25 - zum Shadravan, dem lebendigen Mittelpunkt der historischen Altstadt.

Vorbei am türkischen Hamam und den zahllosen Brautmodengeschäften laufen sie auf die Brücke zu, die über die Bistrica führt. Vor ihnen erhebt sich die Sinan-Pascha-Moschee, erbaut im Jahre 1615 mit den Steinen des orthodoxen Erzengelklosters. Rechts flanieren die Menschen, schallt elektronischer Jazz mit folkloristischen Einflüssen aus den Lokalen, links kleben tot am Hang die ausgebrannten Ruinen des einstigen Serbenviertels, direkt neben dem “Mob Shop”, einem Handy-Laden.


Mehr zum Thema

Keine Einigung

Sicherheitsrat scheitert in Kosovo-Frage mehr…



Gespannte Lage im Kosovo

“Die Menschen wollen die Dinge friedlich regeln” mehr…



EU-Chefunterhändler Ischinger

“EU muss das Problem Kosovo in die Hand nehmen” mehr…

 

Doch der Schein des normalen Lebens täuscht: Die Spuren der Zerstörung sind allgegenwärtig. Vor gut vier Jahren, im März 2004, drangen Albaner in die Häuser der Serben ein, vertrieben die Bewohner, zündeten deren Hab und Gut an. Die Kfor war überfordert. Heute patrouillieren die Soldaten durch die Altstadt und bewachen Mauerreste. Kaum betreten sie die engen Gassen des Serbenviertels, sind sie von Stille umgeben. Nicht mehr die bettelnden Kinder starren sie an, sondern nur noch die verfallenen Mauern. Auf schmalen Pfaden geht es hoch zum Beobachtungspunkt “Auge”.

………………..

SZ

Antwort schreiben

Sie müssen als angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.