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20. April 2007

LYKIEN

Der Weg, das Ziel und der Berg

Von Christian Sywottek

Am Weg auf den Berg Likya Yolu in Lykien scheinen antike Götter zu wohnen: Doch selbst wenn ewige Feuer, verwunschene Geisterorte und ein schauriger Märchenwald den Wanderer nicht bremsen - die größte Herausforderung wartet kurz vor dem Gipfel.

“Wenn in den Bergen die Hunde kommen, musst du dich ganz schnell flach auf den Boden legen”, sagt Ahmet Kütle. “Dort oben ist niemand, der dir hilft.” Das fängt ja gut an. Dabei sieht alles ganz friedlich aus, an diesem Abend am Strand von Çýralý, 80 Kilometer südlich von Antalya. Die Abendsonne färbt den Sand orange, zwei Welpen toben fröhlich um unsere Füße. Einer hat ein braunes und ein hellblaues Auge. Gleich gibt’s was zu saufen.

Türkei: An der Küste des Lichts

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Ahmet, Mitte 50, der Mann aus den Bergen, der einstige Nomade, der noch heute in einem Plastikverschlag auf dem Dach seines Hauses lebt, gräbt nur zwei Meter von der Wasserlinie entfernt seine Hände zwischen die Kiesel, nach vielleicht 30 Zentimetern pulst ein dünnes Rinnsal aus dem Grund. Ich tauche die Hände hinein und schmecke: Süßwasser. Direkt unter dem Strand.

Ahmet grinst, zeigt auf den schneebedeckten Tahtalý, der sich unweit der Küste hinaufreckt auf 2366 Meter. “Da fließt es eiskalt runter, unter der Erde, hinein ins Meer. Merkwürdig, nicht?”

Ein merkwürdiges Land, dieses Lykien, hineingedrückt ins Meer zwischen Fethiye und Antalya. Reich und stark, als die Männer noch Umhänge trugen, Städte und Tempel zeugen davon. Ein dichtes Beieinander von Wasser und Bergen und Almen, Ruinen und brummenden Bienenvölkern.

Antike Sargdeckel am Strand

Ich kam von Norden, um mich einzuschwingen in den Rhythmus des Landes. Ich stand am Lykischen Weg in Phaselis, der antiken Stadt am Meer, auf den Ruinen, und sah einem Mann beim Angeln zu. Zu seinen Füßen leckten die Wellen zerbrochene Sargdeckel blank. Er trug schwarze Plastiksandalen, und er hatte nur Augen für das Meer und seine Fischchen. Er dachte an die Bratpfanne am Abend, nicht an die jahrtausendealte Kultur unter seinen Füßen. Es gibt so viel davon in Lykien.

GEFUNDEN IN…

MERIAN
Türkische Südküste

Ein Land, erschlossen durch den Likya Yolu, den mit über 500 Kilometern längsten Fernwanderweg der Türkei, über alte Handelsstraßen und Ziegenpfade. Er zieht sich am Meer entlang, windet sich hinauf in die Berge, über Wiesen und Kiefernnadeln, über von der Sonne gebleichtes Geröll. Ich will ihn kennen lernen, am Leuchtturm am Kap Gelidonya im heißen, karstigen Süden, in den Bergen über Adrasan, und ich will hinauf auf den verschneiten Tahtalý, kurz vor dem Ende des Likya Yolu.Am ersten Tag kurvt mich Ahmets Auto frühmorgens von Çýralý durch hügeliges Land nach Gelidonya, am Straßenrand wartet Brot in Glaskästen auf Käufer. Vor mir der Weg hoch zum Leuchtturm. Ich steige hinauf, dicht am Meer, unter Kiefern, deren verdorrte Nadeln im Wind klimpern wie trockene Knöchelchen. Der Sturm hat Bäume gefällt, sie scheinen wie riesige Insekten hinabzukriechen ins Wasser. Über eine Stunde lang rutschen meine Füße auf glatten Steinbrocken, bis ich endlich oben bin am Leuchtturm.

Ich hatte gehofft, dort den Leuchtturmwärter zu treffen. Jeden Tag röhrt er mit seinem Motorrad hinauf, um das Leuchtfeuer zu entfachen. Doch ich finde nur seine Spuren. Ein weißer Plastikstuhl in der Ecke des Innenhofes und einen Sitzstein, der am Stamm einer Schatten spendenden Kiefer lehnt. Der Wind pfeift in dieser Verlassenheit, und es raschelt im Gras.

Felsen wie Götterspielzeug

An pelzigen Salbeibüschen vorbei finde ich Schatten auf dem Weg über den Bergrücken. Eidechsen jagen über rissige, schneidend scharfe Steine. Weiter bergab wird das Land sumpfig. Viehweiden, verfallene Pferche. Zimmergroße Felsen liegen auf der Wiese wie Götterspielzeug.

Hinab, hinauf. Hinauf, hinab. Was mir in die Beine geht, war für die Menschen in Lykien jahrhundertelang Alltag. Im Winter zogen sie in Küstennähe Hartweizen, später Zitronen und heute Avocados, weideten Kamele und Ziegen. Im Sommer zogen sie mit den Tieren auf die Almen im Gebirge, auf der Suche nach Kühle und saftigem Gras.

Kurz vor dem Küstendorf Adrasan, meinem Tagesziel, in einer Kurve auf dem steilen Pfad die Schlucht hinunter Richtung Meer, begegne ich scheinbar dieser alten Zeit. Fünf muffende Kamele und ein Esel auf dem nur menschenbreiten Weg. Sie linsen herüber, mahlen mit den Kiefern. Aufgeregt lassen sie walnussgroße Kötel fallen. Ich mache Platz. Die Tiere ziehen hinauf zu den Almen.

TÜRKEI- SPECIAL

So nah und doch so fern – die Türkei ist eines der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen, aber viele der Schätze der Republik sind hier zu Lande völlig unbekannt. Vier Wochen lang wird SPIEGEL ONLINE über Menschen und Regionen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer berichten.

Hasan, dem sie gehören, lässt im Sommer Touristen auf ihnen reiten, ein paar Minuten weiter abwärts. “Die Tiere finden allein ihren Weg”, sagt er. Manchmal bleiben sie zwei Stunden oben, manchmal zehn Tage. Es wird Abend auf Hassans Alm. Er schlägt Eier in die Pfanne, kocht Tee über offenem Feuer. Hassan redet nicht viel. Während wir essen, pfeift der Wind die Berge hinab. Nur noch eine halbe Stunde durch dichten Wald bis Adrasan, wo Ahmet mich wieder abholt.”Du hast Kamele gesehen?”, fragt er auf dem Weg nach Çýralý. “Das ist gut, morgen besuchen wir meine Mutter. Sie kann uns viel über Kamele erzählen.” Asli Kütle stammt aus einer Zeit, in der Kamele noch schwarze Nomadenzelte aus Ziegenhaaren durch die Landschaft trugen und keine Reisenden. Sie lebt an der Straße, die hoch in die Berge führt. Kletterrosen ranken an ihrem Haus, gestrickte Hausschuhe hängen daran zum Trocknen. “Ich bin geboren auf der Alm am Berg hinter dem Berg”, sagt sie. Etwa 75 Jahre ist das her, niemand weiß das so genau. Wie war das damals?

http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,472689,00.html

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