Februar 2007
M D M D F S S
    Mrz »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728  
Links

Goldrausch am Schwarzen Meer

03. Januar 2007

BULGARIEN

Goldrausch am Schwarzen Meer

Von A.R. Williams

Bulgariens Boden steckt voller Goldschätze, einige 6000 Jahre alt. Aber den Archäologen im jüngsten EU-Mitgliedsstaat läuft die Zeit davon: Investoren gießen Fundamente, Raubgräber zerstören in ihrer Gier nach Gold wertvolle Fundstätten. Doch auch die Forscher sind nicht zimperlich.

Der Archäologe Georgi Kitow arbeitet schnell. Er nutzt sogar Löffelbagger und Bulldozer, um die Steingräber thrakischer Herrscher freizulegen. Was er dadurch in einer Woche schafft, würde mit konventionellen Grabungsmethoden viele Monate dauern. Doch er hat keine andere Wahl, erklärt er. Überall in Bulgarien gibt es Grabräuber, die nur darauf warten, die Stätten zu plündern. “Sie haben mehr Geld als ich und bessere Maschinen”, sagt Kitow. “Ich versuche zu retten, was sie zerstören wollen.”

Grabräuber in Bulgarien: Gier und Gold

Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (5 Bilder)

Trotz seiner edlen Motive ist Kitow umstritten: Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Schurke. Er ist heute 63, das Graben mit Hilfe von Maschinen hat er schon am Anfang seiner Karriere von sowjetischen Kollegen gelernt - und er ist von der Methode überzeugt. “Es ist Zeitverschwendung, nur mit der Hand zu graben”, sagt er. Doch Kitows Eile und seine mangelnde Präzision beunruhigen viele seiner Kollegen. Manche bezichtigen ihn der Schatzjägerei, andere bezeichnen ihn als Show-Archäologen, der seine Entdeckungen für die Medien aufbauscht. Seine Verteidiger aber weisen darauf hin, dass ein großer Teil der Gold- und Silberfunde in den wichtigen bulgarischen Museen aus Kitows Grabungen stammt - unter ihnen atemraubend schöne Halsketten und Ohrringe, klassisch geformte Kelche und Schalen, Rosetten von Pferdegeschirren, Teile einer Kriegerrüstung, reich verzierte Schienbeinschützer, eine Krone aus zartem Eichenlaub und eine glänzende Königsmaske. Hätte Kitow sie nicht gefunden, wären sie höchstwahrscheinlich Grabräubern in die Hände gefallen.

Für Plünderer ist Bulgarien ein Dorado voller Kostbarkeiten, mit Gräbern, in denen sich Goldschätze aus der Zeit bis 4400 v. Chr. finden. Zwischen Asien und Mitteleuropa gelegen, wurde dieses Land seit je geprägt durch Eroberer, Soldaten, Reisende, Händler und Siedler. Thraker, Makedonier, Griechen, Römer, Perser, Slawen, Bulgaren, Byzantiner und Türken haben dem Land ihren Stempel aufgedrückt und Kunstschätze hinterlassen, die jedem, der sie heute ausgräbt, ein Vermögen bescheren.

GEFUNDEN IN…

National Geographic
Deutschland

Heft 1/2007

Die Königsgräber der Thraker, die zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert vor Christus angelegt wurden, sind leichte Beute für Plünderer. Mehrere Stockwerke hoch, stehen die überwucherten Grabhügel, die wie Bienenkörbe geformt sind, auf Feldern und längs der Straßen. Im 94 Kilometer langen Kasanluk-Tal, wo Kitow arbeitet, gibt es in den blühenden Rosenpflanzungen zu Füßen der Sredna-Gora-Gebirgskette und des Balkangebirges an die 1000 solcher Hügel. Etwa 25.000 weitere sind über den Rest des Landes verstreut. Viele dieser Hügel sind von frischen Spuren illegaler Grabungen gezeichnet. An vielen Stellen sind Schnitte durch den dichten Bewuchs aus Gras und Gestrüpp und durch die rostfarbene Erde gelegt. Manchmal haben die Räuber Pech und brechen ein Grab auf, das bereits in der Antike geplündert wurde. Manchmal finden sie statt Gold und Silber nur bemalte Vasen, Bronzestatuen oder Fragmente von Wandgemälden. Doch auch mit diesen Dingen lässt sich auf dem Markt für Altertümer noch guter Gewinn machen.Dass in Bulgarien antike Schätze Eigentum des Staates sind, wurde früher sehr ernst genommen. 1949 entdeckten drei Brüder, als sie in der Nähe der Stadt Panagjurischte Ton für Fliesen stachen, neun reich verzierte Gefäße aus massivem Gold, die mehr als 2000 Jahre in der Erde gelegen hatten. Das Land war erst wenige Jahre zuvor der sowjetischen Einflusssphäre zugefallen, und der neue totalitäre Staat ging mit aller Härte gegen Gesetzesbrecher vor. Also übergaben die drei Brüder ihren Fund pflichtbewusst den Behörden. Damals hatte es niemand nötig, das Risiko des Verkaufs eines solchen Glücksfunds einzugehen. Fabriken, in denen von Obstkonserven bis hin zu Kalaschnikows fast alles produziert wurde, garantierten Vollbeschäftigung, für alles andere sorgte der Staat. Auch als 1985 ein Bewohner des Dorfs Rogosen bei der Arbeit in seinem Gemüsegarten auf 80 Silber- und Goldgefäße stieß, übergab er seinen unschätzbaren Fund sofort an die Behörden. Beide Schätze haben in Museen eine sichere Heimstatt gefunden.

WER WAREN DIE THRAKER?

Die Stämme des antiken Thrakien waren durch Sprache und Kultur verbunden, doch selten politisch geeint. Ihre Überlieferung – mündlich und vielleicht in gesungener Form weitergegeben – ist verloren. Nur in griechischen und römischen Texten sind Bruchstücke ihrer Geschichte erhalten. Als gefürchtete Krieger kämpften Thraker im Trojanischen Krieg gegen die Griechen. Jahrhunderte später bestatteten sie ihre Herrscher unter großen Steinkuppeln wie dem kürzlich entdeckten Grab in Alexandrowo. Nachdem Philipp II. von Makedonien Thrakien erobert hatte, wurden die thrakischen Bogenschützen und Reiter in das Heer seines Sohns Alexanders des Großen eingegliedert. 73 v. Chr. machte ein Thraker Geschichte, weil er einen Sklavenaufstand gegen die Römer anführte: Spartakus.

Würde das heute auch noch so ablaufen? Wahrscheinlich nicht. Als das Sowjetsystem 1989 zusammenbrach, riss es auch Bulgarien mit in den Abgrund. Fabriken mussten schließen, Hunderttausende von Menschen wurden arbeitslos und sind es immer noch. Wer heute eine Anstellung hat, verdient im Durchschnitt 160 Euro im Monat. So verwundert es nicht, dass so mancher aus der verarmten Mittelschicht seinen Lebensunterhalt mit dem verdient, was hier “Schwarzarchäologie” genannt wird - mit Grabräuberei.”Das Geschäft mit antiken Funden ist oft lukrativer als der Drogenhandel”, sagt Nikolai Owtscharow, ein charismatischer Archäologe, der als Bulgariens “Indiana Jones” bekannt ist.

Übertreibt er? Vielleicht. Aber man kann tatsächlich viel verdienen, und die Behörden stecken oft mit drin. Darüber hat fast jeder eine Geschichte parat: Ein Bürgermeister, der mit Freunden und Verwandten ein Picknick auf dem Lande macht, gräbt nebenbei ein wenig, um zu sehen, ob sich nicht irgendetwas Verwertbares finden lässt. Zu einer Gruppe von Grabräubern, die auf frischer Tat ertappt werden, gehören Polizisten, die ihren Dienstwagen auch noch direkt neben der Grube abgestellt haben. Antike Münzen und Schmuckstücke im Wert von mehreren Millionen Dollar verschwinden aus einem Museum - mit großer Wahrscheinlichkeit auf Bestellung.

Kleinere Funde landen oft auf dem Straßenbasar im Zentrum von Sofia. Da liegen sie dann auf Klapptischen neben alten Schreibmaschinen, Orden aus dem Zweiten Weltkrieg und Beatles-Alben. “Das spielt sich nur 50 Meter vom Parlament entfernt ab”, sagt Owtscharow empört. “Ich selber habe gesehen, dass Teile eines thrakischen Streitwagens, Münzen und Spangen zum Verkauf angeboten wurden. Das sind keine Fälschungen. Das sind alles Originale.”

Wertvolle Stücke - Kunstschätze aus Edelmetall, Steinobjekte, bemalte Keramiken - gelangen auf geheimen Wegen zu den wenigen Reichen im Land, zu Sammlern, die es sich leisten können, bar zu bezahlen, und die keine Fragen stellen. Es gibt Gerüchte, dass manche Sammler sogar Grabräuber anheuern, um nach bestimmten Dingen zu suchen, und dass die Plünderer wiederum Verbindungen zum organisierten Verbrechen haben. Niemand ist bereit, genauere Auskünfte über diese kriminellen Transaktionen zu geben, an denen oft auch bewaffnete, zu allem entschlossene Männer beteiligt sind. Solche Funde bleiben aber wenigstens im Land. Sollte es irgendwann einmal zu einer Amnestie für Besitzer gesetzwidrig zusammengetragener Sammlungen kommen, gelangen die Objekte womöglich doch noch ins Museum, wo sich jedermann an ihnen erfreuen kann.

Die dunkelste Seite des Grabraubgeschäfts ist der internationale Schmuggel. “Die besten Funde verlassen Bulgarien”, sagt Owtscharow. “Wien. London. Zürich. Jeder kennt die Verbindungen. Vor Kurzem habe ich ein Antiquitätengeschäft in Berlin aufgesucht - es war voll mit thrakischen Fundstücken.” Niemand kann genau sagen, wie viele Raubgüter aus dem Land geschmuggelt werden, aber nach den neuesten Schätzungen hat sich Bulgarien inzwischen zum europäischen Hauptexporteur illegaler Altertümer entwickelt. Besonders bedrückend ist das für die Bulgaren selber, ein Volk, das sich mit seiner frühen Vergangenheit aufs Engste verbunden fühlt. Das Land ist voller Zeugnisse seiner Geschichte und bis heute weitgehend von gleichmacherischer moderner Architektur verschont geblieben. Überall finden sich die Hinterlassenschaften einer jahrtausendealten Kultur, bei fast jedem Spatenstich stößt man auf etwas Altes. So kamen zum Beispiel beim Bau eines Tunnels der Sofioter U-Bahn die Reste einer alten römischen Ziegelmauer zum Vorschein. Sie sind heute in einem winzigen Museum eines unterirdischen Zwischengeschosses ausgestellt.

In diesem Teil der Welt, auf dem Balkan, wo so viele Länder zerstückelt und die Grenzen oft umstritten waren, sind derlei Zeugnisse der Geschichte von immenser Bedeutung. Fast jede noch so kleine Stadt Bulgariens besitzt ein Museum, dessen Ausstellungsstücke aus der nahen Umgebung stammen. Und an jedem Wochenende kommen Menschen jeden Alters und aus allen sozialen Schichten in die Sammlungen, um sich die Schätze und Kunstwerke ihrer Vorfahren anzusehen.

Lesen Sie im zweiten Teil: Die Funde der als Barbaren verschrienen Thraker veränderten das Bild von der Antike. Doch im Rennen gegen Raubgräber müssen Bulgariens Archäologen statt der üblichen Pinsel, Schaufeln und Kellen oft den Bulldozer einsetzen.>>

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,456720,00.html

Antwort schreiben

Sie müssen als angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.